Die Fliesenbilder in der Universität von Évora

Ein Beitrag zum Wissenschaftsverständnis und zur Hochschuldidaktik des 18. Jahrhunderts

Die Fliesenbilder in der Universität von Évora stehen in der langen Tradition der Fliesenmalerei und der Verwendung der Fliese als Gebäudeschmuck in Portugal. Kein Volk der Erde hat sich so intensiv und durchgehend über Jahrhunderte dieser Kunstart angenommen. Die Fliese hat in Portugal weit mehr Bedeutung als nur Baumaterial zu sein. Innen- und Außenwände von Kirchen, Klöstern, Palästen, Herrensitzen und auch einfachen Wohnhäusern sind seit dem 15. Jahrhundert mit ihnen verkleidet. Auf die Fliesen ist bis in die heutige Zeit die Geschichte des Landes geschrieben worden, wenn auch mit unterschiedlicher Qualität und unterschiedlichen Einflüssen von innen und außen. Die älteste noch existierende Fliesenfabrik besteht seit fast 250 Jahren, und sie produziert auch heute noch mit traditionellen Verfahren und Methoden. In J.M. dos Santos Simões hat Portugal einen hervorragenden Forscher gehabt, der die Geschichte der Fliesen in mehreren umfangreichen Bänden zusammengetragen hat. Er war es auch, der als erster Direktor das Nationale Fliesenmuseum in Lissabon mit gegründet hat, über dessen Bestände noch keine genauen Angaben vorliegen. Über eine Millionen Fliesen sind dort vorhanden. Daneben gibt es im ganzen Land eine Vielzahl größerer und kleiner Regionalmuseen mit erheblichen Fliesenbeständen.

Die Fliesenbilder in der Universität von Évora haben eine Sonderstellung. Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt der Arbeit vieler Fliesenforscher betrachtet: wann und wo wurden sie produziert, wer hat sie gemalt, wer war der Auftraggeber, in welche Kunstrichtung sind sie einzuordnen, welches sind die grafischen Vorlagen? Sicher, dies gehört auch dazu. Die Fliesenbilder von Évora dienten jedoch einem bestimmten, inhaltlich fixierbaren Zweck: Sie waren Lehrbuch für die Studenten eines Jesuitenkollegs, sie machen Aussagen zum Wissenschaftsverständnis sowie zum Stand der Didaktik und somit zu den geistigen Entwicklungen und Strömungen ihrer Zeit. Dies ist die große Bedeutung, die in ihnen liegt und unter diesen Gesichtspunkten lohnt sich ein Befassen mit ihnen. Sie sind in ihrer Gesamtheit ein nationales, historisches Monument. Und die Fliesenbilder der Universität in Évora haben noch eine weitere Bedeutung: Sie befinden sich noch an dem Ort, für den sie bestimmt und an dem sie vor 240 Jahren eingebaut wurden. Santos Simões wendet sich in der Einleitung seines Buches "Carreaux céramique hollandais au Portugal et en Espagne", Den Haag 1959, gegen die Vorstellung vieler Sammler, mit einer Fliese bereits ein lohnenswertes Objekt der Gesamtarchitektur zu haben. Die Fliese besitzt, so sagt er, wenn sie erst einmal herausgebrochen und in eine Vitrine gewandert oder an eine Museumswand gesetzt worden ist, nie mehr ihre Bestimmung als schmückendes Element eines Ganzen. Ihr eigentlicher historischer und dokumentarischer Wert wird verwischt. Man kann der Entwicklung der Fliese nur in ihrem eigenen baulichen Rahmen folgen, in dem sie eine fest umrissene Rolle spielt. Dies ist in Évora noch der Fall. Gebäude und Fliesen sind historisch authentisch, sie vermitteln die historische Situation. Auch die Nutzung des Gebäudes ist gleich geblieben: heute wie im 16.Jahrhundert werden in den Räumen Studenten ausgebildet. Die Fliesenbilder selbst haben zwar keinen aktuellen Bezug mehr, sind jedoch ein bedeutendes und in dieser Form einmaliges wissenschaftshistorisches Dokument.

 

Zur Geschichte der alten Universität in Évora

Die alte Universität in Évora wurde am 18. September 1558 als Jesuitenkolleg gegründet, vier Jahre nach demjenigen von Coimbra, dem ersten Jesuitenkolleg überhaupt. Der Orden war zu der Zeit noch sehr jung. Seine Bestätigung hatte er erst achtzehn Jahre vorher durch Papst Paul III. am 27. September 1540 in der Bulle 'Regimini militantes ecclesieae' (Zur Herrschaft der streitbaren Kirche) erhalten.

In einer Bulle vom 15. April 1559 beschreibt Papst Paul IV. die Aufgaben der Universität, die dann am 1. November 1559 ihren Lehrbetrieb aufnahm. Erst knapp zweihundert Jahre später wurden die Fliesenbilder eingebaut. Sie sind mit 1746, 1747 und 1749 datiert. Zu dieser Zeit war die erste Blüte der Fliesenkunst in Portugal schon vorbei.

Santos Simões gibt in seiner Beschreibung der Universität einige Hinweise zum Lehrbetrieb der fraglichen Zeit. "Nach Pater Francisco da Fonseca waren von den Lehrsälen acht für Latein, vier für Philosophie, zwei für Theologie, Räume des Präfekten und zur Anmeldung." Letzterer kann Raum 123, ein kleiner Raum ohne Kanzel direkt am Eingang zum Kreuzgang, gewesen sein. "Die Schule für den Unterricht in Lesen und Schreiben hatte ihre Tür außerhalb des Innenhofes", wahrscheinlich Raum 117. "Corsini gibt die Zahl der Räume mit 18 an... In der Universität gab es drei Lehrstühle für Philosophie, zwei für Rhetorik, acht für Grammatik und einen für Lesen und Schreiben." (J.M. dos Santos Simões "Azulejaria em Portugal no seculo XVIII, Lissabon 1979, S. 407 – 409))

Aus diesen Jahren, jedoch nicht genau datiert, liegt uns ein Auszug aus dem 'Temporal' des Paters Vincente Lopes vor, welches er an seinen Nachfolger und neuen Rektor des Colégio de Évora, den Pater José de Andrade, übergeben hatte:

"No Pátio da Universidade se fez a cadeira de Theologia, e se fizeram de novo na forma, que hoje estao, a 3.a classe, a 7.a a 8.a e a 5.a e 4. Curso tudo a custa da Area da Universidade e da Impressa por devacam do P. Secret. Jose de Andrade, que ja tem as pedras p.a as duas classes, que the faltam, e encomendado em Lix.a o azulejo". (Im Hof der Universität - damit sind wohl die Räume um den Hof, am Kreuzgang gemeint - hat man die Theologie sowie heute die 3., 7. bis 8. und 5. und 4. Klasse. Dieses findet alles auf dem Gelände der Universität und der Presse statt auf Wunsch und eigener Entscheidung des Herrn Sekretärs José de Andrade. Er hat bereits die zwei Schultafeln, die gefehlt haben, und die Fliesen in Lissabon bestellt.) (Diesen Auszug verdanken wir Pater Jose Alvares Vaz de Carvalhoff vom Insitutum Historicum S.I. in Rom)) Wenn der Sinn des Hinweises auf die Klassen auch noch nicht ganz zu verstehen ist, so scheint der Vermerk wichtig, daß die Fliesen in Lissabon bestellt wurden. In Lissabon war zu der Zeit das Zentrum der portugiesischen Fliesenproduktion. Leider wird nicht erwähnt, bei welcher Fabrik Pater José de Andrade die Fliesen bestellt hat. Aus dieser Zeit existiert heute nur noch eine Fliesenfabrik, die 1742 gegründete Fabrica de Faiancas e Azulejos Sant' Anna. Es ist unwahrscheinlich, daß eine so junge Fabrik gleich einen so umfangreichen und bedeutenden Auftrag bekam.

Es ist auch nicht sicher zu sagen, wer die Fliesenbilder gemalt hat. Es waren wahrscheinlich mehrere Maler, da der Malstil recht unterschiedlich ist. Ein Teil der Arbeiten werden auf Grund von Stilvergleichen dem Maler Bartolomeu Antunes sowie der Werkstatt des António de Oliveira Bernardes (gest. 1732) zugeschrieben, die in der fraglichen Zeit sehr bedeutend waren.

Zur Zeit des Flieseneinbaus muß der Jesuitenorden in Portugal sehr einflußreich und finanzkräftig gewesen sein und neben Freunden auch eine Reihe von einflußreichen Feinden gehabt haben, angeführt von dem Premierminister Marques do Pombal (dessen Amtszeit dauerte von 1750 bis 1778). Er haßte die Jesuiten, weil sie eine eigenständige politische Kraft im portugiesischen Königreich darstellten und sich nie seiner und einer weltlichen, zu der Zeit zudem schwächlichen königlichen Macht, gebeugt hatten. Auch waren die Jesuiten in den Kolonien politisch mächtiger und wirtschaftlicher stärker als der Premierminister, der die Reichtümer aus den Kolonien nötig brauchte, um die zerrütteten Staatsfinanzen zu sanieren. Zusätzlich benötigte er Geldmittel zum Wiederaufbau Lissabons nach dem verheerenden Erdbeben vom 1. November 1755, das fast die ganze Stadt zerstörte und 30.000 Menschen das Leben gekostet hat. Zudem kämpften die Jesuiten ausgerechnet zu dieser Zeit in Südamerika gegen Portugal, und das auch noch mit Erfolg.

Pombal erreichte bei seinem König, daß die Jesuiten verboten wurden, und zwar ohne Verhandlungen mit dem Ordensprovinzial oder dem Generaloberen oder sogar dem Papst. Am 19. Januar 1759 unterschrieb Dom José I. ein Dekret, durch das alle Jesuiten als 'Verräter, Rebellen und Feinde des Reiches' abgestempelt und aus Portugal und seinen Kolonien verbannt wurden. Nur zwanzig Tage später, am 8. Februar 1759, wurde die Universität Évora geschlossen und das gesamte Vermögen des Ordens konfisziert. (Nach Manfred Barthel "Die Jesuiten", Düsseldorf 1982, S. 251 f)

 

An einem Beispiel aus dem Raum 120 zur Naturphilosophie soll die Arbeit dargestellt werden. Die Fliesenmaler haben in der Regel graphische Vorlagen benutzt und diese oft dem Zeitgeist angepaßt. Daher ist es notwendig, die Vorlagen zu finden. Es gibt 12 Räume mit zusammen 212 Bildern, von ca. 15% der Fliesenbilder liegen die graphischen Vorlagen vor. Die Vorlagen zu zwei Räumen der lateinischen Grammatik, hier wurden Texte von Vergil benutzt, sind z.B. Holzschnitte aus einem Buch, das 1506 in Straßburg verlegt wurde. Von diesem Buch gibt es noch zwei Originalexemplare: jeweils in der Universitätsbibliothek von Leipzig und Boston.

Évora Raum 120: Bilder zur Naturphilosophie oder Physik

 Der Raum 120 hat zehn thematische Bilder zur Naturphilosophie/Physik und eine Figur unter der Kanzel.  Die Umrahmung der Bilder ist gradlinig streng, am oberen Rand unterbrochen durch die Andeutung eines hochgezogenen, mit Troddeln verzierten Vorhangs, des sogenannten Vorhangs der Naturwissenschaft (Bei Diderot wird er z.B. so benannt). In der Mitte ist jeweils in einer geöffneten Mu­schel eine Maske. Die Muschel bedeutet in der Symbolik  das Bild des Grabes, aus dem der Mensch eines Tages auferstehen wird. Die naturgeschichtliche Vorstellung des Mittelalters, daß die Muschel­schnecken durch auf sie fallenden Tau befruchtet würden, ließ die Muschel auch zum Symbol der Jungfrauschaft Marias werden. In der späten Antike, und darauf beziehen sich sehr viele Bilder dieses Raumes, wurden stereotype Theatermasken tragischer oder heiterer Art an Sarkophagen angebracht. Dabei handelte es sich um den Ausdruck spöttisch bekennender Einsicht in das 'Theater des Lebens', wie sie auch spätantiker Philosophie entsprach. Wo sich solche Muscheln auf christlich erkennbaren Sarkophagen finden, kann darauf geschlossen werden, daß keine weltanschauliche Aussage damit verbunden ist, sondern das Motiv rein dekorativ empfunden wird. Begrenzt werden die Bilder durch barocke Säulen, die ebenfalls jeweils oben eine Maske tragen. Die Augen aller Masken des Raumes sind auf die Lehrkanzel gerichtet. In der Mitte auf den Säulen ist auch jeweils ein geraffter Vorhang dargestellt. Eine solche Art der Umrahmung ist noch in Raum 114 (Raum der Geometrie) zu finden. Der geöffnete Vorhang symbolisiert das Öffnen der Erkenntnisse der Na­turwissenschaften für  das Publikum. Der strenge Rahmen kann als Symbol für das exakte Arbeiten in den Naturwissenschaften verstanden werden.

Mit Ausnahme von Bild 3 befassen sich alle Darstellungen mit Inhalten  aus der griechischen Antike und Mythologie. Man könnte ihn deshalb auch als den griechischen Raum bezeichnen. Im Mittelpunkt steht die philosophische Erklärung und Interpretation der Natur. Eine Ausnahme bildet dabei Bild 10 "Das Brennglas des Archimedes", wo die praktische Anwendung der Erkenntnisse gezeigt wird. Diese Auswahl ist erstaunlich, da die Naturwissenschaft Mitte des 18. Jahrhunderts von der hauptsächlich philosophischen Betrachtungsweise der Naturerscheinungen bereits Abschied genommen hatte. Nur Bild 3 "Beweis der Existenz der Leere" weist auf die neue Art des wissenschaftlichen Arbeitens hin. Vielleicht ist dieser Gegenstand gerade deshalb gewählt worden, weil er alle bisherige philosophische Spekulation über die mögliche Existenz einer Leere durch einen empirischen Versuch widerlegt und damit auch einen neuen Weg zur Welterkenntnis aufzeigt. Die Leere, von Aristoteles bis Descartes als nicht existent angesehen, wurde bis dahin im wesentlichen als theologisch-philosophisches Problem diskutiert, verbunden mit der Frage nach dem Wesen Gottes.

Diese Orientierung an der Antike ist vielleicht nur aus den Zwängen eines Jesuitenkollegs zu verstehen. Nur das, was an Texten und Theorien von der Kirche gutgeheißen wurde, durfte gelehrt werden. Eigenes Denken und selbständiges Forschen waren unerwünscht. Die Glaubenslehre dominierte über jedes Fachwissen. Lehrbücher, auch wenn Jesuiten sie verfaßt hatten, wurden an Kollegien nicht zugelassen, falls sie in Glaubensfragen die Vernunft zu sehr herausstellten. Dennoch haben Jesuiten gerade in den Naturwissenschaften Wesentliches geleistet. Als Beispiel mag hier nur Athanasius Kircher angeführt werden. Neben anderen Gebieten, z.B. Beschreibungen über China, hat er sich eingehend mit dem Magnetismus beschäftigt. Seine Veröffentlichung  "Magnes sive de arte magneti" wurde in kurzer Zeit dreimal, jeweils in verbesserter Form, aufgelegt: Rom 1641, Köln 1643 und Rom 1654. Die letzte Auflage enthält einen Genehmigungshinweis des Praepositus Generalis Gosuvinius Nickel, datiert mit Romae, 29. Octobris 1653. Auf über 400 Seiten beschreibt Kircher den Magnetismus, zeichnet Bilder zum magnetischen Erdfeld, Feldlinien, Kompaßnadeln, beschreibt ein 'Astrolabium magneticum', ein 'Planisphaerium magneticum universale' und ähnliche Geräte. Dennoch bleibt das Bild 6  dieses Raumes bei den Aussagen des Sokrates zum Magnetismus stehen.

 

 

Bild 1: Schule des Sehens und exakten Arbeitens
Bildinschrift: Ad exemplar ('Nach Art von' oder, wenn 'ad' eine Abkürzung von 'additiv' sein soll: Es wird ein Muster hinzugefügt.)

Bild 2: Die unsichtbare Kraft
Bildinschrift: DE NATURA ET VIRTUTE TORPEDINIS (Vom Wesen und der Kraft des Zitterrochens)

 

Bild 3: Beweis der Existenz der Leere                  Der neue (sogenannte) Magdeburger Versuch mit der luftleeren Kugel

 Bildinschrift unter der Kugel: VACVO RESISTIT (Es widersetzt sich dem leeren Raum)

a) Das Fliesenbild (Es besteht aus 162 Einzelfliesen)

Das Bild zeigt den sogenannten Magdeburger Versuch zum luftleeren Raum des Otto von Guericke. Der Versuch heißt deshalb 'sogenannter Magdeburger', weil von Guericke zwar viele Forschungsarbeiten über den luftleeren Raum in Magdeburg durchgeführt hat, dieser Versuch jedoch zum ersten Male 1654 auf dem Reichstag in Regensburg öffentlich vorgeführt wurde.

Die angedeutete Stadt im Bildhintergrund ist  weder Magdeburg noch Regensburg. Es war durchaus üblich, bei solchen Bildern andere, auf den ersten Blick nicht unbedingt zum Inhalt passende Hintergründe zu wählen. In der Vorlage ist der Dom links im Hintergrund verhält­nismäßig klein gezeichnet, während auf dem Fliesenbild die Proportionen vergrößert wurden. So weist die Kirche auf dem Fliesenbild mit der großen Kuppel möglicherweise auf Florenz hin, wo das Wahr­zeichen der Stadt, der gewaltige Dom Santa Maria del Fiore mit der achtseitigen Kuppel von Brunelleschi das ähnlichste Aussehen europäischer Kuppeldome mit dem Dom auf dem Bild hat. Diese elliptische Kuppel wurde von Brunelleschi zwischen 1418 - 36 ohne tragendes Gerüst gebaut, eine Leistung, die zur damaligen Zeit großes Aufsehen erregt hat. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Auswahl des Hinter­grundes auch denkbar, Otto von Guerickes Versuch war ebenso spektakulär. Die über zweihundert Jahre jüngere Leistung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften vor dem Hintergrund der Leistung auf dem Gebiet der Kirchen-Architektur. Zusätzlich sprechen der schlanke Turm am Ende des Kirchenschiffes sowie rechts  der Berg mit dem Gebäude und die Berge im Hintergrund für Florenz, allerdings nur eine Darstellung in Ausschnitten.


b) Die grafische Vorlage

Die grafische Vorlage für das Fliesenbild ist die Tafel 11 aus Ottonis de Guericke "Experimenta. Nova (ut vocantur) Magdeburgica de VACUO SPATIO", Amstelodam 1, Anno 1672 (Verlag Johannes Jansson zu Wassemberge). Von Guericke gibt nicht an, wer das Bild gestochen hat. Gegenüber der Vorlage sind, aus Platzmangel, einige Weglassungen vorgenommen worden. Auf dem Original stehen z.B. auf jeder Seite acht Pferde, wie von Guericke sie bei dem Versuch eingesetzt hatte,  der Baum in der Mitte ist ein Wald.

Auf dem Fliesenbild fehlt auch der Antreiber, wahrscheinlich von Guericke selber, der auf der rechten Seite zwischen dem zweiten und dritten Pferdegespann steht. Darüber hinaus fehlen die Detailzeich­nungen der Kugeln, in der Vorlage oben im Bild angeordnet. Der Hin­tergrund ist verhältnismäßig genau übernommen, auch die beiden Personen vorne rechts, die auf der Vorlage zwar eine etwas andere Haltung einnehmen. Die Kleidung aller Personen ist auf dem Fliesenbild dem Zeitgeschmack angepaßt. Dies fällt besonders deutlich bei den Kopfbedeckungen und Röcken auf.

Durch die Vorführung seines Versuchs auf dem Reichstag zu Regensburg bekam von Guericke Kontakt zu den "Hochwürdigen Väter(n) der Gesellschaft Jesu und öffentlichen Professoren der Universität Würzburg". Diese prüften seine Versuche wiederholt nach und "über­mittelten sie den Gelehrten zu Rom und anderwärts und baten diese zugleich um ihr Urteil". (Otto von Guericke "Neue Magdeburger Versuche über den leeren Raum", übersetzt und herausgegeben von Hans Schimank, Düsseldorf 1968, Vorrede an den Leser (ohne Seitenangabe)) Besonders engen Kontakt erhielt er zu dem Mathematikprofessor Caspar Schott, SJ, der dann in seinen Veröffentlichungen viele Versuche von Guerickes aufgenommen hat. So erschien eine erste Beschreibung des Versuchs in dem Buch 'Technica curiosa' von Caspar Schott, Nürnberg 1664. Auf Tafel 3 ist der Ver­such auch bildlich dargestellt, aber anders als bei von Guericke selbst. So mag über diesen Weg das Bild zum Jesuitenkolleg in Évora gelangt sein.

 c) Zum Inhalt

Das Bild hat unter den Bildern des Raumes eine Sonderstellung. Wäh­rend die anderen Tableaus auf der klassich-griechischen philosophi­schen Deutung der Naturerscheinungen fußen, weist dieses auf den neuen Weg der naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden, das Gewinnen von Erkenntnissen durch den Versuch, hin. Zwar hatte es schon immer Männer gegeben, die empirisch gearbeitet hatten, aber erst mit Galileo Galilei (1564 - 1642) konnte sich dieses methodisches Vorgehen durchsetzen. Und Otto von Guericke beruft sich ausdrücklich auf Galilei, wenn er ihn in der 'Vorrede an den Leser' zitiert: 'In solchen Wissenschaften von der Natur sind Redekunst und Sprachschönheit oder spitzfindige Erörterungen zu nichts nütze. Denn "dort werden tausend Männer wie Demosthenes, tausend Männer wie Aristoteles schon von einem einzigen leidlich begabten Men­schen, der das Richtige besser erfaßt hat, siegreich geschlagen." (Galilei im "Gespräch über die Weltsysteme") Und weiter zitiert von Guericke den Jesuiten Athanasius Kircher (1602 -1680) aus seinem 'Kunst- und Wunderbuch des Magnetismus' (1641): "Daraus geht hervor, wie nichtig, trügerisch und nutzlos jede Wissenschaft ist, die sich nicht auf Erfahrungen stützt, und was für Ungereimtheiten die sonst größten und scharfsinnigsten Gelehrten ohne die Hilfe der Erfahrung hervorbringen. Die Erfahrung allein löst also alle Zweifel, behebt die Schwierigkeiten und ist die einzige Lehrerin der Wahr­heit; sie trägt uns die Fackel in die Dunkelheit voran, löst die Knoten und lehrt uns die wirklichen Ursachen der Dinge bestimmen." Und von Guericke schreibt weiter: "Daher können Gelehrte, die sich allein auf ihre Gedanken oder Schlußfolgerungen stützen und die Er­fahrung verschmähen, keine bündige Aussage über die natürliche Be­schaffenheit der Welt machen; denn wenn das menschliche Denken sich nicht auf Versuche stützt, wird es oft weiter von der Wahrheit abirren, als die Sonne von der Erde entfernt ist."

Von Guerickes Ausgangspunkt war ein Problem der Astronomie. Dies ist nicht besonders verwunderlich, da in diesem Jahrhundert, durch die Erkenntnisse von Kopernikus und Galilei angeregt, die Sterne und die Planetenbewegungen ein wesentliches Untersuchungsfeld waren und die Wissenschaft stark beschäftigt hat. Das Abendland war mit einem neuem Weltbild konfrontiert. Die Erde als Mittelpunkt des Weltalls war in Frage gestellt worden. Bewegen sich die Planeten in einem luftleeren Raum, ja, gibt es überhaupt einen luftleeren Raum, wie es die Philosophen von Aristoteles bis Descartes verneint hat­ten. Von Guericke war der Auffassung, daß "der Zwischenraum zwischen den Weltkörpern oder der sogenannte Himmel" luftleer sein müsse, weil die Planeten sonst durch den Widerstand der sie umgebenden Luft allmählich zum Stillstand kommen müßten. "Als ich dies lange erwog und zugleich immer wieder dem Geheimnis des Weltenbaus nachsann, ließ mich nicht nur der Gedanke an die Riesenmassen dieser Gestirne und an ihre jedem menschlichen Verstande völlig unzugänglichen Entfernungen erschauern, insbesondere bannte mich dieser ungeheuere, zwischen ihnen sich breitende, ins Grenzenlose erstreckte Raum und entfachte in mir die unauslösliche Begierde nach seiner Erforschung. Was mochte das für ein Etwas sein, das jegliches Ding umfaßt ...? Ist es wohl ein feuriger Himmelsstoff, fest (wie Aristoteliker wissen wollen) oder flüssig (wie Kopernikus und Tycho Brahe lehren)? Ist es eine zarte Quintessenz? Oder am Ende doch der stets geleugnete, jeder Stoffheit bare Raum? Oder was sonst?" (Guericke, S. 60)

Angeregt von diesen Überlegungen versuchte er auf der Erde einen Raum mit den gleichen Eigenschaften herzustellen, wie sie der Welt­raum besitzt. "Weil sich die Gelehrten nun schon seit langem über das Leere, ob es vorhanden sei, ob nicht, oder was es sei, gar heftig untereinander stritten ..., konnte ich mein brennendes Verlangen, die Wahrheit dieses fragwürdigen Etwas zu ergründen, nicht mehr eindämmem, geschweige denn stillen, ohne einen Versuch hierüber anzustellen, sobald ich Zeit dazu gefunden hatte." (Guericke, Vorrede an den Leser)

Von Guericke beschreibt unter der Überschrift 'Versuch, der zeigt, wie infolge des Luftdrucks zwei Halbkugeln so fest aneinanderhaften, daß sie von 16 Pferden nicht auseinandergerissen werden kön­nen,' den Versuch selbst in seinem drittem Buch, 23. Kapitel, unter Hinweis auf die Tafel 11:

"Ich ließ zwei kupferne Halbkugeln oder Schalen A und B anfertigen von ungefähr 3/4 Ellen Durchmesser, (denn die Handwerker pflegen die Stücke nicht so genau zu arbeiten, wie man es von ihnen verlangt) und erhielt solche von 67/100 Ellen. Sie paßten haarscharf aufeinander, und an die eine von ihnen war ein Hahnstück oder vielmehr jene andere Art Ventil H angelötet, die das Auspumpen der Luft im Inneren gestattete und das Eindringen äußerer Luft verhinderte, wie wir dies schon oben in Kap. 8 beschrieben haben und wie hier Fig. IV zeigt. Ferner sind daran 4 Eisenringe N,N,N,N angelötet, an die man, wie das Bild zeigt, Pferde anschirren kann. Auch ließ ich einen Lederring D nähen, der gründlich mit einer Wachs-Terpentinmischung durchtränkt war, so daß keine Luft durchgelassen wurde.

Mit dem Lederring als Zwischenlage wurden nun diese Halbkugeln aufeinandergepaßt und dann die Luft ... rasch ausgepumpt. Da sah ich, mit wieviel Gewalt sich die beiden Schalen gegen den Ring preßten! Und diesergestalt hafteten sie unter der Einwirkung des Luftdrucks so fest aneinander, daß 16 Pferde sie gar nicht oder nur sehr mühsam auseinanderzureißen vermochten. Gelingt aber bei äußerster Kraftanstrengung die Trennung bisweilen doch noch, so gibt es einen Knall wie von einem Büchsenschuß.

Sobald aber durch Öffnen des Hahnes H der Luft Zutritt gewährt wird, können die Schalen von jedermann sogar bloß mit der Hand von­einander getrennt und abgerissen werden." (Guericke, S. 116)

Im weiteren gibt er eine Berechnung des wirkenden Luftdrucks mit dem Hinweis, daß man diese Rechnung auch zur Bestimmung der 'ge­samten sogenannten Himmelsmasse', d.h. des Gewichtes 'der gesamten Luft rings um die Erde' benutzen kann.

Die Originalkugeln sowie die Luftpumpe, die von Guericke benutzt wurde, existieren noch. Sie sind im Deutschen Museum in München in der Abteilung Physik ausgestellt.

Guerickes These und Beweis der Möglichkeit eines luftleeren Raumes bedeuteten zu seiner Zeit eine vollkommen neue Sicht der Dinge. Er setzt sich daher eingehend mit der philosophischen Frage nach der Existenz der Leere auseinander und versucht insbesondere, Aristoteles und den 'Neuerer namens Rene Descartes' zu widerlegen.

Aristoteles hatte die Existenzmöglichkeit eines luftleeren Raumes  verneint: "Was nicht Ursache irgendeiner Wirkung in der Natur ist, darf vom Philosophen nicht als vorhanden in der Natur gesetzt werden. Das Leere ist nicht Ursache irgendeiner Wirkung in der Natur. Also darf das Leere nicht gesetzt werden." (Guericke, S. 61) Guericke stellte dagegen: "Wenn das Leere, nämlich den leeren Raum, in der Natur nicht geben könnte, sondern aller Raum erfüllt wäre, dann würde kein Körper an den Platz des anderen treten und sich nicht von Ort zu Ort bewegen.... Mithin ist das Leere die Ursache der größten Wirkung in der Natur." (Guericke, S. 61)

Die aristotelische Lehre wirkte  noch sehr stark in dieser Zeit. Dies belegt auch die vielfache Darstellung Aristoteles' in Évora, neben dem Bild in diesem Raum gibt es mehrere Bilder im Raum 119, dem Raum der Philosophie. Und es ist ein gewisser Reiz darin zu sehen, daß das Bild mit von Guerickes Versuch und das Bild mit der aristotelischen Schule über Eck direkt nebeneinander angebracht wurden. Zwei gegensätzliche Meinungen nebeneinander: Absicht oder nur Zufall?

Auch mit dem französischen Philosophen Descartes (1596 - 1650) setzt sich von Guericke auseinander: "Ein Neuerer namens Rene Descartes leugnet in seinen 'Grundlagen der Philosophie', Teil 2, Nr. 16 ff mit Aristoteles das Leere gänzlich und fügt als Begründung hinzu, 'daß die Ausdehnung des Raumes oder inneren Ortes von der Ausdehnung des Körpers nicht verschieden ist'. Und weiterhin sagt er: 'Fragt man aber, was werden würde, wenn Gott alle in einem Gefäß vorhandenen Körper wegnähme und keinem anderen an deren Stelle einzutreten gestattete, so ist zu antworten, daß die Wände des Gefäßes sich berühren würden...." (Guericke, S. 62) Von Guericke weist aber auch darauf hin, daß Philosophen wie Leukipp, Demokrit, Demetrios, Epikur oder Metrodor das Leere anerkannten, "in der Mächtigkeit nach Unbegrenztes. Die Stoiker versicherten, es gebe zwar keine Leerheit innerhalb der Welt, außerhalb ihrer aber eine unbegrenzte." (Guericke, S. 62)

Für von Guericke war die Frage nach der Existenz der Leere auch gebunden an Bestimmungen von Ort und Zeit (nun ist ebenso wie der Ort die Zeit etwas Wirkliches) , des Raumes (Ist der Raum oder das All­behältnis jeglichen Dinges  etwas Erschaffenes oder etwas Uner­schaffenes und ist der Raum oder das Allbehältnis jeglichen Dinges begrenzt oder unbegrenzt?) sowie an Fragen nach dem 'Seienden und dem sogenannten Nichtseienden', dem 'Unendlichen, Unermeßlichen, Ewigen' und damit schließlich nach der Existenz bzw. der Art der Existenz Gottes gebunden. "Wir dürfen ... das unendliche Wesen Gottes nicht als im Raum oder im Leeren enthalten ansehen. Denn der allgegenwärtige Gott wird weder vom Raum noch vom Leeren gefaßt, sondern er ist in sich selbst und sich selbst Raum und das von aller Schöpfung Leere. Seine Wesenheit ist von der jeglichen Geschöpfes verschieden, in keines Bereich enthalten und (um es einmal so auszudrücken) von keiner Schranke umschlossen, sondern sie ist unendlich und ebenso außerhalb wie innerhalb alles Geschaffe­nen." (Guericke, S. 71 f)

Ausgangspunkt für seine Experimente war die Auffassung, daß der Raumbegriff nicht an den Stoff gebunden sei und es war ihm bewußt, daß über diese philosophische Theorie nur der Versuch entscheiden könne: 'Ein Nachweis, der sich im Versuch den Sinnen wahrnehmbar führen läßt, ist allen noch so wahrscheinlichen und einleuchtenden Überlegungen vorzuziehen.'

Bild 4: Die Grundlegung der Naturphilosophie bzw. - wissenschaften        Die Schule des Aristoteles
Bildinschrift: ARISTOTELES

Bild 5: Von der Kraft des Bernsteins
Bildinschrift: De virtute juccini (Von der Kraft des Bernsteins)

Bild 6: Von der magnetischen Kraft
Bildinschrift: DE VIRTUTE MAGNETY (Von der Kraft des Magneten)

Die Bilder 7 und 8 gehören offensichtlich zusammen. Sie sind wie die Bilder 5 und 6 unter einem Rahmen zusammengefaßt, in der Mitte durch einen Baum getrennt. Der Vorhang der Naturwissenschaft bildet den äußeren und weist auf einen inneren Zusammenhang hin.

Bild 7: Der Kampf bringt Wunden
Zwei Krieger mit Schwert und Schild kämpfen miteinander. Zwischen ihnen liegt ein Verwundeter mit abgenommenem Helm. Schwert und Schild liegen vor ihm. Mit der linken Hand faßt er sich auf die rechte Brust. Es ist nicht zu erkennen, wo er verletzt ist.

Bild 8: Gruppe mit verwundetem Krieger
Bildinschrift: Pulius Sympathicus
(Ubi pus, ebi incide: Wo Eiter ist, da stich hinein. Wenn der Eiter herauskommt, so ist es gesund.)

Bild 9: Vom Anfang menschlicher Kultur
Prometheus als Physica
Bildinschriften: Physica Rimando vivit (Die Physik lebt durch die Forschung)

Bild 10: Die Anwendung der Forschungsergebnisse
Das Brennglas des Archimedes

Bild 11: Männliche Figur (Unter der Kanzel)
Die männliche Figur unter der Kanzel hält die Hände hoch, als ob sie eine schwere Last trägt. Man hat den Eindruck, als ob die Lehr­kanzel von der Figur getragen würde.
Es ist im Gesamtrahmen dieses Raumes zur Physik denkbar, daß diese Figur Atlas, Sohn des Titanen Japetos und Bruder des Prometheus, darstellen soll.

 

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